Montag, 5. September 2016

Auf die Hinterbeine

Während Linus sich für ein herabgefallenes Ahornblatt auf dem Boden interessiert,
holt sich Minou lieber ein 
frisches vom Baum.
So schön und klug sie auch sind: Ziegen haben etwas Destruktives. Sie fressen all das, was sie nicht sollen, und außer Giftpflanzen ist kaum etwas vor ihnen sicher, und wenn sie an etwas nicht heranreichen, dann stellen sie sich auf die Hinterbeine.
Wer Ziegen hält und den Bock nicht zum Gärtner machen möchte, muss all das, was ihm lieb und teuer ist, einzäunen, und zwar mit einem stabilen Wildschutzzaun. Pferde und Rinder lassen sich vielleicht mit einem Elektrozaun beeindrucken – Ziegen schlüpfen einfach zwischen den Seilen hindurch, ohne einen gewischt zu bekommen.
Manchmal könnten wir verzweifeln und würden sie am liebsten des Grundstücks verweisen, aber dann erliegen wir doch wieder ihrem Liebreiz, ihrer Klugheit und ihrem Charme. Und vor uns erging es vielen anderen so. Alice Herdan-Zuckmayer, die Ehefrau des Dramatikers Carl Zuckmayer, schrieb in ihrem wunderbaren Buch "Die Farm in den grünen Bergen" (Fischer-Verlag, 1956) über die Zeit, in der die Familie während des Zweiten Weltkriegs eine kleine Farm in Vermont betrieb, diesen bemerkenswerten Satz: "Die Ziegen wurden der Gegenstand unserer innigen Liebe, die Ursache unserer heftigsten Wutausbrüche, sie waren Lust und Plage, Freude und Pest, sie unterwarfen unsre Gefühle den raschesten Schwankungen zwischen dem Bedürfnis, sie erschlagen zu wollen, und dem, sie zärtlichst zu umarmen."
Mittlerweile haben wir gelernt, uns nicht mehr über die Ziegen aufzuregen, wenn sie sich wieder einmal als Forstschädlinge betätigen. Oder anders ausgedrückt: Die Ziegen haben uns Gelassenheit gelehrt – auf eine andere Art als die friedlichen Schafe, nämlich mit der Holzhammer-Methode.

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