Montag, 14. Dezember 2015

Zweite Chance

Die verwaiste Hyazinthe hat eine zweite Chance verdient.
Ach, was für eine Freude, da hat mein kleiner, weiß blühender Zimmergarten doch auf einmal Zuwachs bekommen. Als wir heute noch kurz einkaufen waren, sehe ich eine Hyazinthenzwiebel, die aus einem weihnachtlich dekorierten Topf gepurzelt und unter den Rollcontainer gekullert ist. Da ist irgendein Malheur passiert, ein Topf ist zu Bruch gegangen, goldenes Gekrause und ein paar rote Kügelchen hängen auf halb Acht. Meine Zwiebel in diesen Topf zu pflanzen, macht keinen Sinn, den kauft niemand mehr und außerdem: Die Hyazinthen in diesem Arrangement sind trotz des kaputten Topfs komplett, drei blau, nicht weiß blühende, wie die in meiner Hand. Aber wie sehr ich auch schaue und suche, in keinem der dort stehenden Pflanzgefäße fehlt eine Zwiebel, Platz, um meine gefundene einfach dazuzusetzen, ist darin auch nicht.
Was tun? Die Zwiebel, die schon ausgetrieben hat, ihrem Schicksal überlassen, wieder zurücklegen, wo sie lag, damit sie abends beim Durchfegen im Mülleimer landet oder still und heimlich vertrocknet? Die Verkäuferin fragen, wie viel eine verwaiste Hyazinthe kostet, die eigentlich im weihnachtlichen Dekokorb mit drei Exemplaren zum Preis von 2,99 Euro stecken müsste? Ich sehe die Schlange an der Kasse und sie genervt telefonieren – keine gute Idee. Ich lasse die Hyazinthe in meiner Manteltasche verschwinden, das ist natürlich nicht in Ordnung, auch den fauligsten Apfel dürfte man nicht einfach mitnehmen, selbst der Sperrmüll an der Straße gehört bis zum Abholtermin demjenigen, der ihn – wenn auch nur zur "Entsorgung" – hinausgestellt hat. Aber Hyazinthen sind lebendige Wesen, ich finde, da könnte Gnade vor Recht ergehen.
Zu Hause wird der kleine Findling sogleich eingetopft. Merkwürdig, obwohl – wie gesagt – schon ausgetrieben, hat die Zwiebel kaum Wurzeln gebildet, da ist etwas schief gelaufen, die Blätter fühlen sich zu weich an, eindeutig ein Zeichen von Trockenheit.
Nun, nach zwei Stunden im kühlen Schlafzimmer mit Erde und Wasser und einem Übertopf aus meinen reichen Beständen, scheint sich die kleine Pflanze zu erholen. Ich freue mich über den Zuwachs in meinem Zimmergarten, und die kleine Hyazinthe bekommt ihre zweite Chance.

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